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70 Jahre hinter der Ladentheke – Lebensmittel Rosa Süß

Als ich als kleines Mädchen nach dem sonntäglichen Kirchenbesuch hinter zwei gestandenen Frauen ging, konnte ich Gesprächsfetzen wie „ich muss noch bei der Mühl Rosl einkaufen“ aufschnappen. Zuhause standen genau diese Frauen im Geschäft und kauften ein.

Tante Kathi und Mama ca. 1953 vor der Ladentüre, zu der damals noch mehrere Stufen hinaufführten

Mama ca 1995

Zuhause standen genau diese Frauen im Geschäft und kauften ein. Verwundert fragte ich Mama, wie sie denn zu dem Namen 'Mühl Rosl' käme. Hausnamen haben ja meist eine Vorgeschichte und so ist es auch hier: Die Geschäftsinhaberin vor ihr war Rosa Maier, die Frau ihres Großonkels Heinrich Maier. Da diese Großtante aus der Gschwendtnermühle stammte, wurde von älteren Leuten der Hausname „Mühl Rosl“ verwendet.

Das Ehepaar Heinrich und Rosa Maier hatte zwei Söhne, Heinrich und Anton. Beide sind als Soldaten im zweiten Weltkrieg 1945 gefallen. Heinrich Maier sen. musste 1946 sein Bein wegen Zucker amputiert werden und so waren er und seine Frau nicht mehr in der Lage, das seit ca. 1902 bestehende Geschäft mit Poststelle und die Landwirtschaft weiter allein zu verrichten. 1951 kam Mama als 19-jährige als Hilfe für Haus, Landwirtschaft und Geschäft von Palmberg nach Eppenschlag. Einfach war es nicht, als junge Frau, aufgewachsen in einer Großfamilie, mit einem älteren Ehepaar zusammenzuleben, das gebeutelt von Schicksalsschlägen vergrämt dahinlebte.

Da das Heimweh immer größer wurde, kam auch die jüngste Schwester 1953 nach Eppenschlag. Von da an lebte es sich leichter und jetzt gab es auch wieder was zum Lachen. Nach dem Tod von Frau Maier (23.8.1955) vererbte ihr Heinrich Maier kurz vor seinem Tod am 13.01.1956 Haus und Geschäft. Noch im selben Jahr heiratete Mama unsern Papa Christian Süß und sie betrieben Landwirtschaft und Geschäft weiter.

Zu dieser Zeit gab es noch keine abgepackten Lebensmittel. Reis, Zucker, Mehl, Marmelade, Grieß, Salz, … alles wurde mit einer mechanischen Waage gewogen und bedarfsweise abgefüllt. Die gelesenen Zeitungsseiten waren ideales Verpackungsmaterial. Im Jahr 1970 wurde der Laden erweitert. Im Sortiment gab es nun alles, was im tagtäglichen Gebrauch notwendig war: Gummistiefel, Hausschuhe, Unterwäsche, Strumpfhosen, Vorhänge, Wolle, Bettwäsche, Handtücher, Stofftaschentücher, Pullis, Hemden, Schürzen, Kopftücher, Mützen, Handschuhe, Arbeitskleidung, Strohhüte, Babywäsche, Spielsachen, Nägel, Farbe, Pinsel, Knöpfe, Reißverschluss, Nadelsortimente genauso wie Zwirn und Faden. Aber auch Schulsachen, Schrubber, Besen, Mausefallen, Tabak und natürlich Lebensmittel, täglich frisches Obst und Gemüse, Zeitungen und Backwaren, geliefert von der Bäckerei, gehörten zum Sortiment. Selbstverständlich konnte man auch das Brühpech kaufen, das zur Hausschlachtung benötigt wurde. Später wurden außerdem Drogerieartikel wie Kopfschmerztabletten, Franzbranntwein, Klosterfrau Melissengeist oder Hustenpastillen angeboten.

Die Rechnung für die eingekauften Waren wurde im Kopf (Mama ist noch heute kaum im 1x1 zu schlagen) oder mit Stift und Zettel ermittelt. Gelegentlich kam auch eine Rechenmaschine zum Einsatz, eine Registrierkasse gibt es aber bis heute nicht - das Wechselgeld wurde immer „hochgerechnet“. Viele Kundschaften der umliegenden Dörfer kamen zu Fuß zum Einkaufen und mussten sich überlegen, was sie kaufen können, damit die Tasche nicht zu schwer wurde. Von Montag bis Samstag täglich durchgehend geöffnet von 6.30 Uhr bis 18.30 Uhr wurden Neuigkeiten ausgetauscht genauso wie Kochrezepte und Gartenratschläge. Natürlich konnte man sich abends noch schnell eine Flasche Wein holen, wenn unvorhersehbar Besuch vor der Tür stand. Auch sonntags nach dem Gottesdienst war das Geschäft proppenvoll, wenn der eine oder andere aus den umliegenden Ortschaften seinen wöchentlichen Einkauf tätigte.

Der Laden war die erste Anlaufstelle für die Neuigkeiten und den Tratsch. Früher war der Austausch auf örtlicher Ebene das, was heutzutage das Internet ist. Oft war es für manchen einfach nur gut, sich nebenbei den Kummer von der Seele reden zu können oder seine Verärgerung über lokalpolitische Entscheidungen los zu werden.

Mit den ersten Aldi-Großmärkten war jedoch ein Rückgang zu spüren. Immer mehr Supermärkte mit günstigen Preisen und einer großen Auswahl zogen die Menschen zunehmend an. Zugleich war eine längere Lagerhaltung und ein größeres Sortiment im eigenen Laden durch die Einführung des Mindesthaltbarkeitdatums unmöglich. Mit der Berufstätigkeit der Frauen und der anwachsenden Mobilität nahm zunehmend das Kaufverhalten vor Ort ab. Dennoch halten noch einige Kundschaften ihr bis heute die Treue, und darüber freut sich Mama jeden Tag.

Wenn sie auch nicht mehr täglich durchgehend geöffnet hat, so hoffen wir doch, dass sie auch noch ihren 90.Geburtstag in ihrem Laden verbringen kann. Text. Manuela Denk