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Zum 100. Geburtstag des Ehrenbürgers Xaver Roth

(von Altbürgermeister Karl Reith) Geboren am 7. Nov. 1920 hätte der „Xaverl“, wie er liebevoll und vertraut von allen Gemeindebürgern genannt wurde, in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern können. Das war ihm nicht ganz vergönnt. Im 98. Lebensjahr ist er am 5. Jan. 2018 verstorben. In der Ausgabe Winter 2018 des Gmoabladls wurde mit Auszügen aus meiner Trauerrede sein Lebenswerk gewürdigt

Bürgermeister Reith verleiht Xaver Roth die Ehrennadel der Gemeinde (Grafenauer Anzeiger vom 22.12.1995)

Doch auch seinen 100. Geburtstag möchte ich zum Anlass nehmen, ihn, meinen kommunalen Lehrherrn, mit 3 Stationen aus seinem Leben in der Gemeinde zu würdigen, die er mir in der kurzen Zeit unseres gemeinsamen Weges schilderte und die auch die besonderen Verhältnisse einer kleinen Landgemeinde in der Nachkriegszeit spiegeln.

Die mit der Gemeinde gemeinsam zurückgelegte Geschichte begann in der Stunde Null, im Jahr 1945. Eppenschlag lag in Schutt und Asche. Von der amerikanischen Besatzungsmacht wird Michael Macht aus Marbach als Bürgermeister eingesetzt und Xaver Roth, vom Kriegsdienst heimkehrend wird bereits in den ersten Nachkriegsmonaten als Polizeidiener in Dienst genommen. Die Gemeindekanzlei wird 1947 vom Metzgerhaus ins alte Schulhaus verlegt und zu dieser Zeit wird er als Gemeindeschreiber angestellt, leistet eine halbjährige Lehr- u. Probezeit ab und wird mit 50 Mark monatlich entlohnt.

Bei damals über eintausend Einwohner, darunter sehr viele Heimatvertriebene und teilweise bis zu 100 von der Gemeinde im Rahmen von Notstandsarbeiten beim Straßenbau beschäftigten Arbeitern, waren von dem „Ein-Mann-Betrieb“  unter Bürgermeister Macht und nach der ersten Nachkriegs-Wahl unter Bürgermeister Max Weber viele schwierige Probleme zu lösen und erforderte einen enormen Arbeitseinsatz teils rund um die Uhr und an 7 Tagen in der Woche. Die Anerkennung dafür in Wort und Geld war damals sehr rar oder fehlte gänzlich.

Tag und Nacht da zu sein, das war ganz selbstverständlich und man scheute sich nicht, für uns heute unvorstellbar, das auch einzufordern.

Die Gemeindepolitik wurde damals in der Schmiede, beim Schreiner und natürlich ganz ausdauernd, wortreich und lautstark im Bräuhaus gemacht. Das letzte Mittel des meistens beteiligten Bürgermeisters nach reichlich Bier und vielen Wortgefechten war, den Xaverl mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen und ins Wirtshaus zu zitieren, um seine Fachkenntnis einzuholen und dann zu verlangen, dass er am Wirtshaustisch auch sitzen blieb. Nach seinen glaubhaften Schilderungen waren  diese nächtlichen „Anforderungen“ an der Tagesordnung und zerrten gewaltig am Frieden in seiner jungen Familie mit den kleinen Kindern in den 1950er Jahren bis 1978.

Dass die Last der Gemeinde nicht nur psychisch belastet, sondern auch physisch große Anstrengung erfordert, das macht folgendes Geschehnis deutlich.

Schon in den 1950er Jahren war es gute Sitte bei der Gemeinde, Altersjubilare zu besuchen. So stand ein solches Ereignis wieder an, mitten im Winter. Bei reichlich Schnee und keiner geräumten Straße, ging es auf einem kleinen Trampelpfad durch den hohen Schnee hinauf in den nördlichen Bereich der Gemeinde.  Wie gewohnt, machten sich am frühen Nachmittag die beiden Repräsentanten, Bürgermeister und der Xaverl, zu Fuß auf den Weg und nach ca. 1 Stunde bergauf erreichten sie den Jubilar. Erschöpft nahmen sie dankbar die Gastfreundschaft an und genossen eine gute Brotzeit und Bier. Die Stube war warm, die Unterhaltung gut, das Bier reichlich und der Bürgermeister hatte ein gut trainiertes Sitzfleisch. Es kam, wie es kommen musste. Die Nacht brach herein und alle Mahnungen vom Xaverl zum Aufbruch blieben angesichts der fröhlichen Feier ungehört. Erst als zu späterer Stunde die alkoholischen Vorräte zu Ende gingen, war auch der Bürgermeister widerwillig bereit, sich auf den Heimweg zu begeben. Doch des Bürgermeisters Stand- bzw. Gehvermögen entsprach nicht mehr der Ausdauer seines Sitzvermögens. So blieb dem Xaverl nichts übrig, als dafür Sorge zu tragen, dass das nicht gerade leichte Gemeindeoberhaupt wieder nach Hause kam. Wie genau er ihn durch den Schnee abwärts schaffte, konnte er sich selbst nicht mehr genau erklären. Schiebend, stützend, schleifend, tragend, gut zuredend, bittend, schimpfend und fluchend – alles war wohl vertreten und auf alle Fälle viele „Badwandl“ als Spuren hinterlassend kamen sie von der Gratulationstour dann wieder heim und die nächsten Tage gab es im Bräuhaus diesbezüglich Gesprächsstoff und Spaß, aber auch Spott.

Aufgrund seiner bescheidenen und sachlichen Art war es selten, dass er über die früheren Zeiten erzählte und beschwert hat er sich nie. Aber wenn er erzählte und dies eigentlich nur in kleiner, vertrauter Runde, war es schön, interessant und lehrreich. Vieles hat er erlebt, vieles hat er geschafft, vieles hat er hinterlassen.

Und trotzdem, gerade heute hätte ich noch so viele Fragen an ihn. Schade, dass dies nicht mehr möglich ist.